DIE BEFREIUNG

Es war Frühling in diesem Teil des Landes wie auch auf der gesamten Insel. Durch einen harten Winter im Untergrund geschwächt und auch etwas desillusioniert war die Truppe um die beiden Comandantores Don Macson und Don Michon in alle Teile des Landes versprengt. Man war übereingekommen, eine Auszeit zu nehmen um wieder Kräfte zu sammeln. Nach geraumer Zeit wollte man sich wieder zusammenfinden und neue Schritte im gemeinsamen Kampf besprechen.

Don Macson hatte sich in die Berge im Süden der Insel zurückgezogen und schrieb an einer Abhandlung zum Thema: «Vereinigung aller Kräfte für den gemeinsamen Kampf».

Comandante Don Macson auf seinem treuen Streitross. Hier ist er gerade auf dem Weg ins Tal um Proviant für sein Einsiedler-Dasein zu besorgen. Er scheint gutgelaunt und weiß noch nichts von der neuesten Entwicklung in der Hauptstadt.

Ganz in der Nähe, in einem verschwiegenen Tal hielt sich Don Olivero auf. Er hatte sich nicht von der Untergrundbewegung beurlauben wollen und verfeinerte hier seine ohnehin schon vielgerühmte Guerillatechnik: «Dschungelkampf - wenn dann aber richtig». In Sachen unsichtbar an den Gegner herankommen, Fallen stellen und Hinterhalt bauen war er schon immer ein wahrer Meister. Das liegt wahrscheinlich an der Tatsache, das er weitermacht, wenn alle anderen eine Pause brauchen.

Don Olivero, der unermüdliche Kämpfer für die gute Sache. Auch er weiß noch nicht was im in Kürze bevorsteht. Dieser Schnappschuss entstand im Garten des «Wirts», wo er sich mit Don Macson zu ihrer monatlichen Schafkopfrunde treffen wollte. Doch es kam ganz anders.

Comandante Don Michon und die beiden Compañeros Colonel und Cerebro hatte es in die Hauptstadt verschlagen. In verschiedenen Stadtvierteln besuchten sie alte Freunde oder ließen sich etwas Kultur und Historie um die Nase wehen.

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Comandante Don Michon wie er gerade versucht dem Fotoapparat eines aufmerksamen Touristen auszuweichen - vergeblich - wie man unschwer erkennen kann. Die legere Freizeitkleidung lässt erkennen daß auch Michon noch nichts erfahren hat von den Ereignissen, die die ganze Truppe in Kürze beschäftigen soll.
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El Colonel - hier posiert er vor dem Bild eines anderen Untergrundkämpfers. Das Foto wurde von einem ausländischen Touristen aufgenommen, der bis heute nicht erfahren hat, wen er da freundlicherweise fotografiert hat. Ein Beispiel dafür, wie die Mitglieder der Truppe frech in der Hauptstadt ihre Umgebung zu narren pflegten.
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El Cerebro vor dem Denkmal von José Martí, dem Manne, der den Text des bekannten Liedes «Guantanamera» verfasst hat. Dieses Bild wurde uns zugespielt.

Beim Flanieren im Park hörte Don Cerebro aus dem Gespräch zweier älterer Herrschaften folgendes heraus: SIE haben wieder zugeschlagen! Der Club, die Ficker, die Schweine im Hintergrund haben wieder einen Coup gelandet!

¿Wer sind SIE?

Fieser Club - massenuntwandernde, snobistisch-imperialistische Kohlemacher e.V., kurz Fic-Musik.

Dieser Name steht für eine Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat talentierte Musiker von der Straße weg zu entführen und diese für sich «anschaffen zu lassen«. Die Opfer, allesamt bekannte Meister ihrer Kunst, werden nach einer eingehenden Gehirnwäsche dem Verein Fic-Musik einverleibt. Hier müssen sie unter unmenschlichsten Bedingungen massentauglichen Scheißdreck produzieren.

Wen hatte es wohl diesmal erwischt? El Cerebro war plötzlich in Eile. Er musste die Truppe benachrichtigen. Ein Treffen musste vereinbart werden. Und, zuallererst musste er seine Informanten aufsuchen.

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Hier nahm alles seinen Anfang. Cerebro, beim Schlendern durch den Park, wird ungewollt Mithörer eines Gesprächs von dem er in Kürze alle Mitglieder der Truppe unterrichten wird.

Wer, was wann, wo, wen – das alles musste eruiert werden. Nach zwei Stunden hatte er die Informationen, die er brauchte. Es handelte sich um die Musiker El Maxcito, José de la Vida und El Capitan, den bekannten Straßengiutarrero.

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El Capitan, der Gitarrist des Volkes. Er sollte nun Fic-Musik ausgeliefert sein. Das durfte nicht wahr sein.

El Cerebro machte sich auf, die Compañeros zu benachrichtigen. Einer ihrer Treffpunkte war der Biergarten am Playa del Este. Ein weiterer Treffpunkt wäre die Bodeguita. Aber hier wäre der Zeitpunkt erst nach 22.00 Uhr und das war eindeutig zu spät. Es galt keine Zeit zu verlieren. Auf zum huerto cervezar.

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Hier die Einlieferungsfotos der drei armen Opfer. Die Nummern, die ihnen zugewiesen wurden, stehen für das jeweilige Label, für das sie später nach der Gehirnwäsche arbeiten sollten.

¿Wird einer der Compañeros zum vereinbarten Treffpunkt kommen oder sehen sie, so kurz nach «Urlaubsbeginn», noch keine Notwendigkeit darin?

Was bisher geschah: Desillusioniert von ihrem bisher wenig Erfolg zeigenden Untergrundkampf hatte die Truppe um die beiden Comandantes Don Macson und Don Michon eine Auszeit genommen und war in alle Teile der Insel verstreut. Da hörte El Cerebro zufällig von einem neuen, gemeinen Anschlag der fiesen Organisation Fic-Musik. Nun mußte gehandelt werden!

DIE BEFREIUNG

Don Cerebro sah nervös auf seine Uhr. Er saß schon drei Maß lang im Biergarten und erwartete, einen oder mehrere seiner Compañeros zu treffen. Seine Informationen waren zu wichtig und duldeten keinen Aufschub. Es mussten Maßnahmen getroffen werden, aber allein konnte er gar nichts machen. Er beschloß, noch eine weitere Maß abzuwarten und dann einen Alternativplan in Gang zu setzen. Da hörte er lautes Gelächter vom Eingang des huerta cervezar und erkannte sofort: Compañeros im Anmarsch. In fröhlicher Stimmung kamen Don Michon und El Colonel auf ihn zu und nahmen an seinem Tisch Platz. El Cerebro brannte darauf, ihnen seine Neuigkeiten zu erzählen, aber um kein Aufsehen durch ihre zu erwartende, heftige Reaktion zu erregen, musste das so unauffällig wie möglich geschehen. Beim Pieseln.Also ließ er sie erst mal bestellen und einen gehörigen Schluck nehmen. Dann forderte er sie auf ihm zu folgen.

Als sie zurück an ihrem Tisch waren, hätte nur ein sehr aufmerksamer Beobachter ein verändertes Verhalten an ihnen festgestellt. Die Jungs hatten sich, geschult durch langen Untergrundkampf, sehr gut im Griff. Während nun Don Michon und El Cerebro das weitere Vorgehen besprachen, machte sich El Colonel, er hatte seine Maß natürlich geleert, auf den Weg zum revolutionseigenen Taubenschlag. Er hatte die Order, die gesamte Truppe in die Hauptstadt zu zitieren.

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Zwei Tage später, in einer Bar in der Hauptstadt. Die schnelle Eingreiftruppe war komplett versammelt. Durch die Brieftaubenbotschaften waren sie aus allen Teilen der Insel zusammengekommen. Bei einem Havanna Club und einer Cohiba wurde der Plan zur Befreiung der drei Musiker ein letztes Mal durchgesprochen.
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Das Hauptquartier von Fic-Musik e.V., der widerlichen Organisation, die es wieder einmal zu bekämpfen galt. Die Eingänge wurden seit Tagen überwacht, um einen genauen Zeitplan vom Kommen und Gehen des Gegners zu bekommen.

Man hatte vor in die Höhle des Löwen, sprich das Hauptquartier von Fic-Musik, einzudringen. Ein Freund der Bewegung war schon vor langer Zeit in diesen Verein eingeschleust worden, und der sollte ihnen Einlass verschaffen. Er war es auch, der ihnen den genauen Plan vom Inneren des Gebäudes besorgt hatte. Nun war der Tag bzw. die Nacht der Abrechnung gekommen. Die ganze Truppe fieberte dem Ereignis entgegen, bei dem dem verhassten Gegner ein empfindlicher Schlag beigefügt werden sollte.

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Ein letztes Bild der gesamten Befreiungseinheit, kurz bevor diese inzwischen legendäre Aktion in die Tat umgesetzt wurde. Noch hatte keiner der Compañeros eine Ahnung, wie denn ihr Husarenstück enden würde, aber jeder einzelne von ihnen war guten Mutes im Wissen im den Kampf für die gerechte Sache. Was sich im einzelnen ereignete, ist natürlich nun auch in den Geschichtsbüchern zu lesen.

Aber das Ganze war natürlich nicht frei von Gefahr. Was wäre, wenn sie in eine Falle laufen würden? Oder der einer der Truppe fiele dem Feind in die Hände? Aber daran wurde jetzt nicht gedacht. Der Kampf um die gerechte Sache erfordert selbstverständlich auch Opfer, und jeder der Compañeros war bereit, sein Scherflein dazu beizutragen. Der Plan war ausgearbeitet, die einzelnen Positionen waren verteilt. Ein letztes Mal eine gute Zigarre und ein gehöriger Schluck Rum, dann schritten Los Dos y Compañeros zur Tat.

Die Befreiung begann …

Don Macson, Don Michon und Don Olivero wollten im Inneren des Gebäudes bis zu den tief im Untergrund befindlichen Kerkerverließen vordringen um die Gefangenen zu befreien. Don Cerebro sollte sich mit seinem Informanten im Erdgeschoss aufhalten um den Rückzug im Gebäude zu gewährleisten.

El Colonel, der Mann, der für die Beschaffung zuständig war, hatte außerhalb des Fic-Hauptquartieres seinen Posten bezogen.

Er hatte drei vorzügliche Wagen für den schnellen Rückzug besorgt und bewachte nun diese sowie auch den Hinterausgang, den unsere Jungs nach erfolgter Tat benutzen wollten. Das war die Lage der Dinge um 02.00 Uhr, als die Aktion begann.

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Um 02.15 Uhr war die Truppe schon im vierten Untergeschoss dieses, scheinbar unendlich tiefen Kellergelasses.

Hier waren sie richtig. Aus den einzelnen Zellen hörten sie widerliche Fic-Musik, mit denen der Verein seine Gefangenen quälte. Vereinzelt waren auch Stöhnen und Verzweiflungsschreie durch die dicken Zellentüren zu vernehmen. Der Kellergang war nur spärlich beleuchtet, gottseidank hatten sie Taschenlampen dabei. Bisher waren sie noch nicht auf Widerstand gestoßen, aber jetzt mussten sie aufpassen. Hier waren die «frischen« Gefangenen eingesperrt, und man musste mit guter Bewachung rechnen. Don Olivero übernahm die Aufgabe des Kundschafters. Langsam spähte er um die nächste Ecke, immer in Erwartung eines Wächters. Aber die Luft war rein. In diesem Gang befanden sich die Zellen der zu befreienden Musiker.

Die Truppe pirschte sich langsam und vorsichtig an. Zur Sicherheit wurden die Taschenlampen ausgeschaltet. Mit Olivero an der Spitze tastete man sich an der Wand entlang nach vorne ins ungewisse Dunkle.

Da, plötzlich, ein unterdrückter Schrei und ein dumpfes Poltern.

Was war los? Don Olivero war über etwas gestolpert. Mit einer Hand abgedämpft wurde eine Lampe angeschaltet. In diesem diffusen Licht konnte man eine am Boden liegende Person entdecken. Offenbar einer vom Wachpersonal, der durch den Sturz von Olivero jetzt im Erwachen war. Schnell stürzte Don Michon herbei und hielt dem Schergen den Mund zu, damit er sie nicht verraten konnte. Der Mann musste mundtot gemacht werden, sonst war ihre Mission zum Scheitern verurteilt. Jetzt hatten sie einen Gefangenen der sie nur behinderte. Während sie flüsternd die neue Lage beratschlagten, machte sich ihr Gefangener durch heftiges Augenrollen und Zucken bemerkbar. Er wollte scheinbar mit ihnen sprechen. Vorsichtig nahm Michon die Hand von seinem Mund, immer mit der Gefahr rechnend, das sich der Wärter durch Schreien bemerkbar machen wollte. Aber der hatte nichts dergleichen vor. Heftig luftschnappend erzählte er ihnen flüsternd folgende Geschichte:

Er sei selber ein Gefangener der Fic-Musik. Aber, um deren Gehirnwäsche zu entgehen und sich seinen individuellen Musikgeschmack zu erhalten, habe er sich als Wächter verdingen lassen. Er habe, seit er in diesem Verließ Wache schiebt nur auf die Gelegenheit einer Flucht gewartet. Auch wisse er genau, wer die Compañeros seien, und stehe voll hinter ihren Absichten und Zielen. Er werde sie keinesfalls verraten. Ganz im Gegenteil, er werde sie nach Kräften unterstützen. Am liebsten wäre im aber, er könnte sich der Bewegung anschließen und Fic-Musik aktiv bekämpfen. Nach einer kurzen Conferencia, man hatte nur noch wenig Zeit wegen der bevorstehenden Wachablösung, war sich die Truppe einig.

Der Mann ist richtig, der Mann ist wichtig. Er wurde sofort aufgenommen. Die Feierlichkeiten wollte man später nachholen. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Die drei Gefangenen mussten rausgeholt werden und der Rückzug angetreten. Dank des neuen Mitglieds, sein Name war, wie inzwischen jeder weiß, Juan D`Oro, musste man die Kerkertüren nicht aufbrechen. Man hatte ja einen Schlüssel.

Nun war alles nur noch ein Kinderspiel. Schnell waren die drei Musiker aus ihrer Folterzelle befreit. Sie hatten, weil sie noch nicht lange in Haft waren, noch keinen Schaden genommen. Ihre musikalische Integrität war vollständig erhalten.

Der Rückzug durch das Gebäude verlief wegen des Insiderwissens von D`Oro ebenfalls problemlos. El Cerebro wurde im Erdgeschoss aufgenommen. Sein Informant zeigte sich erstaunt und freudig überrascht über das neue Mitglied der Truppe. Ein Angebot, sich ebenfalls anzuschließen, lehnte er ab, da er ganz richtig behauptete, in der Zentrale des Feindes von größerem Nutzen zu sein. Also los jetzt, auf zum Hinterausgang. El Colonel saß sicher schon wie auf Kohlen. Leise wurde die Ausgangstür aufgemacht. Endlich wieder frische Nachtluft. Es war schön zu sehen, wie die ehemaligen Gefangenen sichtlich aufatmeten. Schon das war die Ganze Aktion wert gewesen.

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Die drei Befreiten glücklich zur Truppe dazugestossen. Jetzt kämpfen sie mit den anderen im Dschungel für die gerechte Sache.

Don Olivero stieß seinen geheimem Pfiff aus, um El Colonel zu benachrichtigen. Es kam keine Antwort. Ein weiterer Pfiff – dasselbe Ergebnis, nada.Wo war der Compañero? Die Fluchtwagen standen alle drei bereit. Aber von El Colonel keine Spur. Die Truppe musste verschwinden. Sofort!

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Treffpunkt Uno: Die Kreuzung an der Straße der Freiheit. Treffpunkt Dos: Der Leuchtturm in der Festung.

Man hatte aber zwei Treffpunkte ausgemacht, an denen man sich treffen wollte, ginge etwas schief. Also verteilte man sich auf die Wagen und brauste los. Jeder war froh wieder aus diesem unheimlichen Haus heraus zu sein. Aber jeder machte sich Gedanken, was wohl mit El Colonel passiert sein könnte. Nach der Befreiung wurden natürlich die Alternativ-Treffpunkte zur vereinbarten Zeit aufgesucht. Kein Colonel. Auch zwei Tage später gab es noch keine Anzeichen für seinen Aufenthalt.

Was war passiert?

Wo war der Colonel?

Hatte ihn Fic-Musik?

Fortsetzung folgt …